Digitalisierung an Schulen

Mittwoch, 02.12.2020 18:00 Uhr
Zoom
Dr. Tobias Benz
Bürgermeister von Grenzach-Wyhlen
OStD Thilo Feucht
Direktor des Gymnasiums Kenzingen
Markus Gniech
Senior Account Manager Nagarro Allgeier ES GmbH, Elternvertreter
Prof. Dr. Tim Krieger
Leiter Wilfried-Guth-Stiftungsprofessur für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik, Universität Freiburg
Asmus Ohrt
HR-Manager United Planet GmbH Freiburg

Podiumsdiskussion in der Reihe "Digitalisierung in Deutschland"

Moderation

Julius von Gleichenstein (Vorstandsmitglied Aktionskreis Freiburger Schule)

Zur Veranstaltungsreihe

Wir freuen uns auf die zweite Veranstaltung unserer neuen Reihe „Digitalisierung in Deutschland“, bei der wir uns mit der Frage des Digitalisierungsstands der Schulen befassen möchten. Hier haben die vergangenen Monate zwar Versäumnisse ans Licht gebracht, aber wurden diese Erkenntnisse genutzt, um wichtige Digitalisierungsprozesse in Gang zu bringen, was die Ausrüstung und die Unterrichtsformate angeht? Und welche Kompetenzen sollten Schulabgänger für den Start einer Karriere in hochdigitalisierten Branchen mitbringen? Diese Fragen möchten wir mit Vertretern aus der Schulleitung, der öffentlichenTrägerschaft sowie der Wirtschaft diskutieren.

Zusammenfassung

Bei der zweiten Veranstaltung der Reihe „Digitalisierung in Deutschland“ diskutierte der Moderator Julius von Gleichenstein mit fünf Panelteilnehmern, die sich mit dem Thema aus verschiedenen Perspektiven befassten: Dr. Tobias Benz sprach als Bürgermeister von Grenzach-Wyhlen aus der Sicht der Schulträger, OStD Thilo Feucht als Direktor des Gymnasiums Kenzingen aus Sicht der Schulen und Markus Gniech als Elternvertreter und Unternehmer, der die Schulen mit digitalen Lösungen ausstattet. Prof. Dr. Tim Krieger, Beiratsmitglied des Aktionskreises Freiburger Schule und Leiter der Wilfried-Guth-Stiftungsprofessur für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik an der Universität Freiburg, ordnete die Fragen wirtschafts- und ordnungspolitisch ein.

Auftakt der Veranstaltung war die Keynote von Asmus Ohrt, HR-Manager der United Planet GmbH aus Freiburg, der zu der Frage referierte, welche (digitalen) Fähigkeiten Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus Sicht der Wirtschaft mitbringen sollten. Auf die Frage, was United Planet als kleines mittelständisches Unternehmen von seinen Bewerberinnen und Bewerbern erwarte, führte Ohrt Ehrlichkeit, Engagement, Mut und Teamgeist an. Als Kompetenzen, die heute und zukünftig gefragt seien, nannte er Fachwissen, soziale Kompetenz und Motivation, die sich wiederum gegenseitig ergänzen müssten. Was in der Schule angesichts wachsender Datenmengen und ständig verfügbarer Informationen gelernt werden müsse, seien Methoden- und Problemlösungskompetenzen, Kreativität, Diplomatie und interkulturelle Kompetenzen. Bezogen auf die (Arbeits-)Welt, wie sie sich durch Digitalisierung verändert hat und weiter verändern wird, müssten die Schulen den Umgang mit digitalen Medien vermitteln, die eine Kulturtechnik wie Lesen oder Schreiben seien. Dies bezog Ohrt auf die technische Seite der Mediennutzung wie auf die inhaltliche.

Daraufhin berichteten die Diskutanten über die Erfahrungen, die sie während der Corona-Pandemie sowie bei ihren sonstigen Bemühungen um den Aufbau einer digitalen Infrastruktur an Schulen gemacht haben. Eine Feststellung, die alle trafen, war, dass es zu stark von den individuellen Bedingungen vor Ort abhängig sei, ob es gelingt, Schulen digital auszustatten – sprich, ob eine Lehrkraft das Know-how und die zeitlichen Ressourcen hat, in der Freizeit die Digitalisierung voranzutreiben. Was die finanzielle Unterstützung durch Bund, Länder und Gemeinden angeht, habe Corona zwar eine Beschleunigung in den Köpfen der politischen Handlungsträger ausgelöst, so Tobias Benz; die bereitgestellten Mittel seien aber immer noch zu gering. Positiv bewertet wurde, dass seit Anfang Dezember auch die Instandhaltung der Hard- und Software gefördert wird.

Was die personelle Betreuung der Technik betrifft, sind zwei Erkenntnisse aus der Diskussion hervorzuheben: Die Einrichtung und Administration der digitalen Infrastruktur kann nicht von einem Lehrer oder einer Lehrerin nebenher betreut werden. Vielmehr müsse sie durch eine zusätzliche Stelle abgedeckt werden, was wiederum im Stellenplan und in den bereitgestellten Mitteln zu berücksichtigen sei. Was die verwendete Hard- und Software betrifft, plädierten alle Diskutanten dafür, keine Parallelstrukturen aufzubauen, sondern privatwirtschaftliche Lösungen zu nutzen.

Zur Frage nach der ordungspolitischen Einordnung der Digitalisierung im Bildungssektor meinte Tim Krieger, dass die zaghafte politische Forcierung mit der Einstellung in der Bevölkerung korrespondiere. Politik orientiere sich am Wählerwillen und in der Bevölkerung war das Interesse am Thema Digitalisierung in den letzten Jahren schlichtweg sehr gering gewesen. Mit Corona komme der Ruf nach diesem Know-how sehr plötzlich und geradezu disruptiv. Dem rasch angemessen zu begegnen, sei schwierig, da selbst von Seiten der Wirtschaft zwar eine Stärkung der MINT-Fächer verlangt, das “I“ dabei jedoch lange vernachlässigt wurde. Als zentrale Aufgabe der Politik in der aktuellen Situation nannte Krieger, dass sie ein Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindern müsse. Kinder aus finanziell schwächer gestellten Familien drohten, abgehängt zu werden. Konkret müssten die Kultusministerien für solche Fälle beispielsweise Leihlaptops zur Verfügung stellen; so könne jeder und jede am digitalen Fernunterricht partizipieren.

Auf die Frage, wie digital Schulen und der Unterricht sein sollen, führte Krieger an, dass Digitalisierung nur Mittel zum Zweck sein könne, was den Kompetenzerwerb angeht. Der Rektor des Gymnasiums Kenzingen Thilo Feucht plädierte für einen Paradigmenwechsel: Es müsse ein digitales Mindset verinnerlicht werden. In den Lehrplänen solle klar definiert werden, welche Medienkompetenz in welcher Klassenstufe zu erlernen sei. Dabei müssten Schülerinnen und Schüler unabhängig von der Schulform über ein digitales Know-how verfügen, das ihrer Altersstufe angemessen ist. Gleichzeitig müssten die Lehrkräfte darin geschult werden, diese Fähigkeiten beizubringen und selbst eigenständig mit der aktuellen Technik arbeiten zu können. Eine Schule könne noch so gut digital ausgestattet sein, so Feucht: Guter Unterricht, also die gelungene Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, könne digital nie hundertprozentig abgebildet werden.

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