Buchanans Werk

Den Nobelpreis verdankt Buchanan seinen Beiträgen zur Begründung einer ökonomischen Theorie der Politik (Public Choice) seit den 1950er Jahren – vor allem in einer von ihm beeinflussten Richtung, der „Virginia School of Political Economy“. Buchanan wendet sich entschieden gegen die etablierte wohlfahrtsökonomische Sicht der Wirtschaftspolitik. Diese bewertet reale soziale Zustände anhand theoretischer Fiktionen wie einem „vollkommenen Wettbewerb“ und leitet hieraus „Marktversagen“ als Begründung politischen Handlungsbedarfs ab. Politische Akteure werden gleichzeitig als wohlwollende allmächtige Akteure unterstellt und nicht als versagensfähige reale Menschen. Diese Inkonsistenz hebt Buchanan auf, indem er auch in der Politik Akteure modelliert, die – im Prinzip nicht anders als der „homo oeconomicus“ – zunächst ihren eigenen Vorteil suchen. Nun gilt es, die jeweiligen institutionellen Handlungsrestriktionen und Anreizbedingungen zu betrachten. Dabei stellt Buchanan fest, dass die Funktionsbedingungen einer „unsichtbaren Hand“, die mithilfe freiwilligen Tauschs unter Wettbewerbsbedingungen Eigeninteresse und Gesamtwohl verbindet, in realen politischen Prozessen weitaus ungünstiger sind als in realen Marktprozessen.

Buchanan macht damit schon früh zentrale Eigenschaften kollektiven Handelns analytisch greifbar, die heute das Grundinventar der Public Choice Analyse bilden. Hierzu gehört etwa die Schwierigkeit, rationale und informierte Wählerpräferenzen bilden sowie kollektiv äußern und befriedigen zu können. Dies erklärt wiederum die Missbrauchbarkeit des politischen Gewaltmonopols zur Erlangung von Privilegien. Buchanan (mit Gordon Tullock) zeigt auch die volkswirtschaftliche Verschwendung auf, die bereits durch den Wettlauf um solche allein politisch geschaffenen Renten („rent-seeking“) entstehen. Ebenfalls in nüchterner Analyse der Anreize politischer Akteure leitet Buchanan (u.a. mit Richard Wagner und Geoffrey Brennan) Erklärungen und vernichtende Kritiken keynesianischer Verschuldungspolitik, überdimensionierter Staatshaushalte und ineffizienter Steuersysteme ab. Radikaler als andere Vertreter der ökonomischen Theorie der Demokratie (etwa die „spatial voting“ Modelle im Anschluss an Anthony Downs) streicht Buchanans „Virginia Political Economy“ die vielfältigen Ursachen für Politikversagen heraus. Gleichzeitig geht es ihm weit mehr als Vertretern der mainstream Public Choice Theorie nicht nur um Erklärung, sondern auch um Aufklärung der Politik. Politikversagen ist nicht auf eigennützige Motive, sondern auf ungeeignete Beschränkungen politischen Handelns zurückzuführen. Damit liegt der Schlüssel bei der politischen Verfassung.

Ökonomische Kontrakttheorie der Staatsverfassung

Ähnlich wie John Rawls lehnt Buchanan eine organisch kollektivistische Theorie des Staates ebenso ab wie eine Konzeption der Politik als reiner Interessenkonflikt. Auch Buchanan geht es um die Begründung des Staates und seiner angemessenen Funktionen aus den Interessen der Bürger. Dem methodologischen Individualismus der Analyse entspricht ein normativer Individualismus und damit das Kriterium freiwilliger Zustimmung der Betroffenen als alleiniges Legimitationskriterium kollektiven Handelns. Politik wiederum ist vor allem dann konsensfähig und marktanalog als „Tausch“ konzipierbar, wenn es nicht um spezifische Spielzüge, sondern um grundlegende Spielregeln (und deren neutrale Durchsetzung) geht.

Welche prozeduralen Spielregeln der politischen Verfassung Bürger hinter einem Schleier der Unsicherheit wählen würden, zeigen Buchanan und Tullock in ihrem frühen Klassiker The Calculus of Consent (1962). Die Bestimmung einer optimalen Abstimmungsregel anhand der Kosten der Entscheidungsfindung und der Risiken, einer unterlegenen Minderheit anzugehören, gehört seitdem zum Standardrepertoire bei der Beurteilung von Entscheidungsregeln. In The Limits of Liberty (1975) wählt Buchanan dagegen einen Hobbes’schen Urzustand als Heuristik zur Erklärung der Staatsentstehung durch freiwilligen Vertrag unter eigeninteressierten Individuen, die sich zunächst durch eine Art „Abrüstungsvertrag“ gegenseitig besser stellen. Dieser Vertrag muss aber wegen opportunistischer Defektionsanreize staatlich erzwungen werden. Neben der Existenz eines solchen Rechtsschutzstaates wird auch ein öffentliche Güter bereitstellender Leistungsstaat kontraktualistisch hergeleitet. Wie ein mit Zwangsmitteln ausgestatteter Leviathan im Interesse seiner Bürger wiederum gezähmt werden kann, ist das verfassungsökonomische Problem, dem sich Buchanan intensiv widmet. Hierzu zählen etwa seine Arbeiten zu einer anreizkompatiblen Fiskalverfassung (The Power to Tax, 1980 mit G. Brennan) oder seine bereits 1965 entwickelte Theorie der Clubs, die zunehmend von der ökonomischen Föderalismustheorie rezipiert wird.

Rezeption

Buchanans Werk (weit über 20 Bücher und 200 Artikel) fiel stets auf geteilte Reaktionen. Gerade in seiner amerikanischen Heimat gilt er noch heute eher als Außenseiter, der sich dem mainstream der Ökonomik, der Politikwissenschaften oder der Sozialphilosophie immer wieder entzieht. Dies zeigt sich besonders dann, wenn Buchanan, geleitet von einer kontraktualistisch-liberalen Sozialphilosophie, mithilfe ökonomischer Modelle politische Prozesse sowohl beschreiben als auch durch konsensuale Regelsetzung ändern möchte. Hierbei werden nicht nur Disziplingrenzen ungeniert überschritten; auch werden positiv-erklärende und normativ-fordernde Elemente oft unorthodox kombiniert. Dagegen hat Buchanan in Europa oft mehr Anerkennung erfahren. Dies zeigen auch Beiträge zur von Buchanan initiierten Zeitschrift Constitutional Political Economy, die heute weit mehr als die von ihm in den 1960er Jahren begründete Zeitschrift Public Choice Buchanans Forschungsprogramm wiederspiegelt. Buchanans Ansatz zur Modernisierung des klassischen Liberalismus ist unter deutschen Ordnungsökonomen (etwa in der Tradition der Freiburger Schule) populärer als die methodisch verwandten Arbeiten von Rawls. Buchanans kontraktualistische Begründungen von Regeln einer Verfassung freier Menschen stehen heute gleichberechtigt etwa neben Friedrich A. von Hayeks evolutorischen oder Robert Nozicks naturrechtlichen Ansätzen. (von Michael Wohlgemuth)

Eine überarbeitete Fassung dieses Textes ist erschienen in:
Gisela Riescher (Hrsg.), Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young, Stuttgart: Kröner, 2004, S. 72-75.

Bibliographie

Werke (Auswahl):
Buchanan, James M., The Collected Works of J. M. Buchanan, 20 Volumes, Indianapolis 1999 – 2002.

Buchanan, James M., Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan, Tübingen 1984.

Buchanan, James M., Markt, Freiheit und Demokratie, St. Augustin 1992.

Buchanan, James M. / G. Brennan, Die Begründung von Regeln, Tübingen 1993.

Literatur:

Vanberg, Viktor J.: Rules and Choice in Economics, London 1994.

Pies, Ingo / Martin Leschke (Hrsg.): J. M. Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen 1996.

Petersen, Thomas: Individuelle Freiheit und allgemeiner Wille. Buchanans politische Ökonomie und die politische Philosophie, Tübingen 1996.

Mueller, Dennis C.: Constitutional Democracy, Oxford 1996.

Brennan, Geoffrey / Hartmut Kliemt / Robert D. Tollison (Hrsg.): Method and Morals in Constitutional Economics. Essays in Honor of J. M. Buchanan, Berlin 2002.