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Entstehung und Themen der "Freiburger Schule"

1927 trat der damals 36jährige Walter Eucken eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an. Wenige Jahre später veröffentlichte er den Aufsatz „Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus“,  in dem er die Wirtschaftspolitik der Weimarer Republik scharf kritisierte. Der Staat hatte sich in seiner Wahrnehmung zu einem interventionistischen „Wirtschaftsstaat“ entwickelt, der von mächtigen Interessengruppen zur Durchsetzung ihrer partikulären Anliegen gebraucht wurde. Eucken wies darauf hin, dass eine solche „anarchische“ Wirtschaftsordnung der wohlfahrtsfördernden Entfaltung ökonomischer Kräfte entgegen wirkt − etwa durch die Preisbildung der Monopole. 

Das hier aufgeworfene Problem – „die Frage der privaten Macht in einer freien Gesellschaft“, wie es im Rückblick einmal genannt wurde − beschäftigte zu Beginn der 1930er Jahre nicht nur den Wirtschaftswissenschaftler Eucken. Auch die Juristen Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth waren darauf aufmerksam geworden: Der eine als Referent der Kartellabteilung im Reichswirtschaftsministerium, der andere als Lehrstuhlinhaber für bürgerliches und Handelsrecht in Prag.

Ein „höchst seltsamer Zufall“ (Böhm) führte diese drei Wissenschaftler 1933 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg zusammen. Ihr gemeinschaftliches Interesse mündete in einem eigenen Forschungsprogramm, dessen Entwicklung zunächst in der ab 1936 herausgegebenen Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ dokumentiert wurde. Im Vorwort des ersten Bandes betonen Eucken, Böhm und Großmann-Doerth, dass die Behandlung aller rechts- und wirtschaftspolitischen Fragestellungen „an der Idee der Wirtschaftsverfassung ausgerichtet“ werden müsse, die eine „politische Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens“ darstellt. Wie Franz Böhm in seinem Beitrag zum ersten Band erläutert, wird die Freiheit des Marktes dabei stets vom Rahmen der Ordnung begrenzt. 

Die Betonung eines gesellschaftlichen und politischen Ordnungsrahmens der Wirtschaft wurde zum Hauptanliegen der „Freiburger Schule“, zu der bald auch Eucken-Schüler wie K. Paul Hensel, Friedrich A. Lutz, Karl Friedrich Maier, Fritz W. Meyer und Leonhard Miksch oder befreundete Nationalökonomen wie Constantin von Dietze und Adolf Lampe zählten. 

Das ordoliberale Konzept der Freiburger Schule entstand nicht zuletzt in Abgrenzung zu Diktatur und Planwirtschaft des Nationalsozialismus. Innerhalb der Universität hatte sich Eucken schon früh gegen die Anhänger der NS-Ideologie und ihren prominenten Fürsprecher, den Rektor Martin Heidegger, gestellt. Zusammen mit Böhm, von Dietze, Lampe und anderen engagierte er sich in den oppositionellen „Freiburger Kreisen“ und bereitete aktiv den Übergang zu einer freiheitlichen Marktwirtschaft nach dem Krieg vor. Entsprechend bildete die Arbeit Euckens und seiner Mitstreiter die theoretische Basis für die von Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack geprägten wirtschaftspolitischen Reformen in der jungen Bundesrepublik und die Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft. 

Die Freiburger Forschungs- und Lehrgemeinschaft löste sich mit dem Kriegsende auf; Großmann-Doerth fiel noch 1944 und Böhm wechselte 1946 an die Universität Frankfurt. Zum Organ der Freiburger Ordnungsökonomik wurden die seit 1948 erscheinenden ORDO-Jahrbücher. Eucken selbst konnte nur noch wenig Anteil an der Weiterentwicklung des Freiburger Ansatzes nehmen: Er starb 1950 überraschend während eines Lehraufenthalts in London. Sein posthum veröffentlichtes Werk „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ enthält einmal mehr den Appell an die Menschen „aus dem Geist einer richtig verstandenen Freiheit heraus die Notwendigkeiten einer gewollten Ordnung“ zu bejahen. 

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